Zu jung, um jung zu sein
Die Jugend und das Münchner Volkstheater

Wenn jemand ins Gesicht gesagt bekommt: "Du bist die Zukunft des deutschen Theaters; wenn wir in zehn Jahren von Theater in Deutschland reden, dann reden wir von dem, was du geprägt hast", dann darf die oder der Angesprochene kurz innehalten, durchatmen, ganz intensiv den Druck auf den jungen Schultern fühlen und sich dann in die nächste Inszenierung werfen. Schließlich haben sich die Alten das Theater von den Jungen nur geborgt.
Quasi als eine Art erster offizieller Akt der Zurückgabe haben die Professoren Anke Roeder und C. Bernd Sucher 13 ausgesuchte Nachwuchsregisseure miteinander antreten lassen zum Austausch in einem Symposion vergangenen Herbst; nun werden sie zehn davon porträtieren in einem Buch und mit acht Inszenierungen beim Festival RADIKAL JUNG vom 16.-24. April vorzeigen. Eine vergleichbare Publikation gab es bereits 1994. Von den acht damals Aufgenommenen sind Matthias Hartmann, Anselm Weber, Amelie Niermeyer, Andreas Kriegenburg, Leander Haußmann und Christian Stückl heute klingende Namen in der Theaterwelt. Der Letztgenannte ist Intendant des Münchner Volkstheaters, in dem diesmal sowohl Symposion als auch Festival ausgetragen werden.
Der optimale Ort: Wie kein anderes Theater in der Stadt versucht das Volks- eins der Jugend zu sein - und zwar auf beiden Seiten des Vorhangs. "Das Residenztheater hat sein Publikum und die Kammerspiele langsam auch", verrät der Dramaturg am Haus, Kilian Engels, "wir kämpfen noch um Zuschauer." Vor allem um die jungen. Es gibt Konzerte von Blumfeld über die Russenfolkloristen Apparatschik bis zu den Prinzen, die ein gewisses Publikum anlocken, das dann wiederum an Plakaten im Raum vorbeiläuft und dem dabei auffällt, dass es hier außerdem einen Herrn Shakespeare gibt, zu dem man auch mal schauen könnte. Das funktioniert. Jedenfalls bemerkt der Besucher einer normalen Aufführung schnell, in was für einem bunt gemischten Volk er sich bewegt - nicht nur vom Alter her. Viel bunter als in andern Theatern.
Neben dem Thalia sehe sie auch das Volkstheater als ihre "Heimatstätte", meint die Regisseurin Jorinde Dröse. "Weil das Ensemble so stark ist wie noch nie." Es herrsche gute Stimmung, mache Spaß. "Man hat hier bei Christian ganz tolle Möglichkeiten, weil er einen machen lässt." Auch diese Seite, die Macherseite ist betont jung - mit Mitte, Ende Zwanzig freilich in einem Alter, in dem andere bereits Meisterbriefe an die eigenen Wände nageln. Dafür ist Theater eine Welt für sich. Interessanterweise kämen viele der angesprochenen Regisseure bei der Frage, welches Stück ihnen vorschwebe, auf die Werke von Martin Sperr, Ödön von Horvath und Marieluise Fleißer, erzählt Kilian Engels, und erklärt das damit, dass für die meisten diese eben die klassischen Autoren für das Volkstheater seien, wie man es noch von Ruth Drexels Intendanz her gewohnt sei. Dies ist jedoch für den Jetzigen, Christian Stückl, kein Grund, den jungen Menschen auszureden, sich an diesen Stücken zu versuchen. Florian Fiedler, 27, hat NIEDER BAYERN nach Martin Sperr inszeniert und ist dafür sehr gelobt worden, danach KASIMIR UND KAROLINE, das Oktoberfeststück Horvaths. Jorinde Dröse, 29, hat als zweite Arbeit - nach dem, wie sie sagt, "gefälligen" WAS IHR WOLLT - im Volkstheater "was Sperriges", Marieluise Fleißers FEGEFEUER IN INGOLSTADT, auf die Bühne gestellt. Beide, Fiedler und Dröse, sind mit in der Zukunftsauswahl.
Gefragt, was dieser Auswahl noch gemeinsam ist, antwortet Kilian Engels: "Sie wollen wieder Geschichten erzählen." Eine Aussage, mit der Jorinde Dröse sich anfreunden kann als eine Beschreibung ihres Theaters. Gefallen habe ihr, dass sehr unterschiedliche Menschen zum Symposion eingeladen worden seien. "Wenn man uns über einen Kamm scheren kann, dann ist es die Vielfalt", philosophiert sie. Und eine gegenseitige Neugierde: "Man hat überhaupt kein Bedürfnis, sich abzugrenzen. Ich kann auch existieren, ohne dass ich was anderes klein machen muss." Ohne radikal zu sein? "Ja. Vielleicht wird man das meiner Generation oder mir wieder vorwerfen ..."
Nun, zunächst einmal verbindet man sie und diese Generation ja seit dem Symposion mit dem Prädikat "radikal jung". Ein Slogan, mit dem sich Jorinde Dröse nicht recht identifizieren kann und eine bisher unkalkulierte Rechnung aufstellt: "Ich hatte, glaube ich, nie das Gefühl, dass ich jung bin, ich hab' mich immer alt gefühlt. Und auf einmal, wo ich älter werde, habe ich das Gefühl: Ah, ich werde älter. Also habe ich mich irgendwann doch mal jünger gefühlt. - Aber Alter ist auch immer etwas, das eher von außen herangetragen wird." Und "radikal", fährt Dröse fort, damit hätten sich die Regisseure bereits auf dem Symposion nicht anfreunden können. "Wir sind eher für ein Plädoyer für das Mittelmaß. Ich bin ich und ich habe eine bestimmte Sicht auf die Welt. Und die bringe ich mit."
Eigentlich können sich die Künstler im Mittelpunkt des Festivals freuen: Wenigstens hat sie bisher niemand offiziell "Nachwuchsregisseure" genannt. Denn nachgewachsen, als bloße Abbilder "faszinierender Vorbilder" wie Marthaler, Castorf oder Kriegenburg, das wollen sie nun wirklich nicht sein. Natürlich schaue sie sich auch andere, auch große Inszenierungen eines Stückes auf Video an, bevor sie es inszeniere, sagt Jorinde Dröse. Aber Luc Bondy und Peter Brook das sei einfach eine andere Generation. Eine viel politischere Generation? "Für mich liegt Politik eher im zwischenmenschlichen Bereich." Und darin liege auch Dröses Stückauswahl begründet: "Eigentlich interessieren mich menschliche Beziehungen. Mich interessiert zum Beispiel auch Ratlosigkeit, Verzweiflung, Ohnmacht, Orientierungslosigkeit. Aber mich interessieren weniger die Antworten. Meine Eltern hatten ja mordsmäßige Antworten. Und ich bin mit den Antworten groß geworden. Deswegen ist es, glaube ich, mehr ein Bedürfnis nach den Fragen." Und die sollen das Publikum vor allem zum Wundern anstiften.
Zwischen Selbstbewusstsein und Selbstkritik bewegen sich die jungen Theatermacher. Sie besitzen ein natürliches Selbstverständnis, das vielleicht sogar gefüllt ist mit der Verpflichtung für Das-andere-Theater-einer-jungen-Generation. Jedoch: Alles ist neu, und das Neue wird am Anfang ständig mehr. "Theater ist immer neu", sagt Kilian Engels. Die Stücke, die Schauspieler, das Publikum, ... "Das ist ja auch das Tolle und das Spannende in diesem Beruf!", schwärmt Jorinde Dröse. "Ist halt 'ne Frage, wie man dieses Neue in die Arbeit integriert: Wie viel Unsicherheit und Gefühle man zulässt, dass das Stück auch immer wieder neu sein kann."
Das also ist es: Das radikal Junge am Theater sind nicht unbedingt seine jungen Regisseure. Letztlich ist es das Theater selbst, das sich immer wieder von Grund auf erneuert. Das nächste Mal beim Festival im April. Im April ist das Volkstheater die große Glaskugel, durch die man blicken kann in die deutsche Theaterzukunft. Und das ist schon jetzt ein bisschen aufregend.

Teresa Grenzmann, Willibald Spatz
12. Februar 2005

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